Zivilschutz im Bombenkrieg
Der Bunker in den Erinnerungen von Zeitzeug:innen
Von Milan Mentz
Der Hochbunker „Flakturm IV“ auf dem Heiligengeistfeld, fotografiert inmitten seiner kriegsbedingt zertrümmerten Umgebung im April 1945. Foto: Australian War Memorial
Als die nationalsozialistische Bauleitung im Herbst 1942 den „Flakturm IV“ fertiggestellt hatte, war damit ein Gebäude erschaffen, dessen Zweck vor allem militärischer Natur war: Obwohl der Betonbau auf dem Heiligengeistfeld heute vor allem als „Bunker“, „Feldstraßenbunker“ oder auch „Grüner Bunker“ bekannt ist, sollte er ursprünglich – wie seine Pendants in Berlin, Wien und Hamburg-Wilhelmsburg – vor allem als Gefechtsplattform für Flugabwehrkanonen im Luftkrieg dienen. Eine Nutzung als ziviler Schutzraum, die sich angesichts seiner befestigten Bauart anbot, war für die Entscheidungsträger zunächst nachrangig.[1]
Und dennoch: Direkt südlich vom eng besiedelten Karolinenviertel gelegen, wurde der Flakturm mit der Intensivierung alliierter Bombenangriffe auf Hamburg ab Anfang 1943 zum naheliegenden Schutzraum für eine Vielzahl von Anwohner:innen.[2] Doch wie erinnerten sich Hamburger:innen, die während des Bombenkriegs im Flakturm IV Schutz suchten, an diesen Ort? Wie erlebten sie die Zeit im Inneren? Fühlten sie sich sicher oder überwog die Angst? Und wie detailliert und zuverlässig sind diese Erinnerungen nach mitunter mehr als 80 Jahren überhaupt?
Annäherung an historisches Geschehen durch Erinnerungen: Oral History
Zur Beantwortung solcher Fragen greift dieser Eintrag auf das geschichtswissenschaftliche Feld der „Oral History“ zurück, das auf Interviews mit Zeitzeug:innen beruht und im späten 20. Jahrhundert stark an Einfluss gewonnen hat.[3] Oral History liefert uns Quellen in Form subjektiver Deutungen der Vergangenheit, aus der Gegenwärtigkeit der Erzählenden. Diese müssen wir – wie alle historischen Quellen – kritisch hinterfragen, interpretieren und einordnen.
Auch die hier herangezogenen Quellen sind also mit Vorsicht zu betrachten: Persönliche Erinnerungen können verzerrte Perspektiven vermitteln, sich im Laufe der Zeit verändern oder zu entscheidenden Lebensepisoden sogar ganz ausbleiben. Auch drücken sich Zeitzeug:innen mitunter inhaltlich oder akustisch unverständlich oder schlicht unpräzise aus. Diese Einschränkungen gilt es unbedingt zu beachten, wenn wir uns den subjektiven Erinnerungen derjenigen annähern, denen der Hamburger Hochbunker an der Feldstraße als ziviler Schutzraum diente.

Foto: Milan Mentz
Erinnerungen an den Bombenkrieg in Hamburg sind vielfach überliefert: Vor wenigen Jahren hat ein interdisziplinär angelegtes Oral-History-Projekt zum „Hamburger Feuersturm“ in umfangreichen Zeitzeug:innengesprächen systematisch die Erinnerungen von Überlebenden alliierter Bombenangriffe auf Hamburg 1943 zusammengetragen.[4] Die Audioaufnahmen und Transkripte dieser Interviews sind in der „Werkstatt der Geschichte“ (WdE), der Oral-History-Abteilung der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH), archiviert.[5] Jenseits der Geschichtswissenschaft haben etwa auch Tageszeitungen dem öffentlichen Interesse an Berichten von Hamburger Augenzeug:innen des Bombenkriegs Rechnung getragen und entsprechende Interviewauszüge veröffentlicht, zum Beispiel das Hamburger Abendblatt.[6] Von diesen Zeitzeug:innen erlebte jedoch nur ein kleiner Teil die Angriffe im Hochbunker an der Feldstraße, sodass hier eine gezielte Auswertung der Bestände nötig war.
Der Flakturm IV als ziviler Schutzraum – die Erinnerungen der Zeitzeug:innen
Die bis 1945 in Hamburg errichteten Bunker boten lediglich für rund zehn Prozent der Bevölkerung Schutz.[7] Der Hochbunker auf dem Heiligengeistfeld war daher, wie viele andere Schutzräume, während der alliierten Großangriffe auf die Hansestadt deutlich überbelegt. Vor seinen Eingängen kam es oft zu panikgeladenen Szenen, während im Inneren extreme Enge herrschte.[8]
Wie oben beschrieben, unterliegen Erinnerungen an diese Ereignisse verschiedenen Einschränkungen. Etwa geben einige Zeitzeug:innen zwar an im Bunker Schutz gesucht zu haben, können sich diesbezüglich aber an keine Details erinnern.[9] Ausgesprochen lebendig sind hingegen die Erinnerungen Ellen Schabackers. Kaum älter als zehn Jahre, sei sie 1943 gemeinsam mit ihrer Mutter vor den herabfallenden Bomben in den Bunker geflohen. Eindrücklich schilderte sie im Gespräch mit dem Hamburger Abendblatt rund 70 Jahre später die Angst, die sie selbst und andere dabei erlebt hätten. Sie habe „erwachsene Männer vor Angst einfach über Kinderwagen steigen sehen, nur um schnell reinzukommen“. Beim Verlassen des Bunkers habe sie nichts als Trümmer und Leichen gesehen, gleichermaßen einfach „zusammengefegt“. „Das war grausam.“[10]
Ähnliches schilderte Elke Mayer. Obwohl sie zur Zeit der „Operation Gomorrha“ kaum älter als vier Jahre war, erinnerte sie sich noch 70 Jahre danach an „brennende Menschen“, die sie auf dem Weg zum Bunker aus einem „Haus herunterstürzen“ gesehen habe. Die Zeit im Bunker habe sie nachhaltig geprägt: „Noch jetzt habe ich die schlechte Luft in dem überfüllten Bunker in der Nase.“ Sie habe zudem noch immer „Platzangst“ und habe „jahrelang […] kein Dom-Feuerwerk ertragen“.[11]
Schabackers und Mayers Beschreibungen der Verhältnisse in und am Bunker decken sich auf sachlicher Ebene weitgehend mit jüngsten Forschungen Dirk Laus.[12] Besonders wertvoll sind allerdings ihre Schilderungen persönlicher Empfindungen, die die beschriebenen Zustände emotional greifbar werden lassen.
Einige Zeitzeug:innen erinnerten sich noch an architektonische oder organisatorische Details des Bunkerinneren. So wusste Ellen Schabacker etwa zu berichten, dass 1943 im Bunker „die Treppen noch kein Geländer“ hatten: „Das war beängstigend, wir Kinder sind immer ganz nah an der Wand hoch gegangen.“[13]
Karl-Heinz Pischke, damals zehn Jahre alt, berichtete von „Bunkerwarte[n]“ am Eingang, die ihn an „Platzanweiser im Kino“ erinnerten, sowie von „Bunkerkarten“, die er und seine Familie bereits einige Wochen vor dem ersten Großangriff erhalten hatten. Diese hätten ihnen feste Plätze im Inneren zugewiesen.[14] Pischke, der im Bunker „als Kind oft Zuflucht gesucht und nach Ausbombung sogar eineinhalb Monate [darin] gewohnt“ habe, verbrachte erstmals vom 24. auf dem 25. Juli eine Nacht in ihm, als über 700 alliierte Bomber den ersten Großangriff auf Hamburg flogen und westlich der Alster kaum mehr zu stoppende Flächenbrände entfachten. Neben dem Fliegeralarm habe ihn „Neugier“ zum unlängst fertiggestellten Hochbunker getrieben, wie er noch 2024 betonte. Der seiner Familie zugewiesene, „etwa 250 Quadratmeter“ große Raum im zweiten Stock habe sich „im Laufe der Nacht mit immer mehr Schutzsuchenden“ gefüllt, erinnerte er sich. Draußen habe unterdessen „das reinste Chaos“ geherrscht.[15]

Karl-Heinz Pischke präsentiert „seinen“ Bunker, fotografiert von Olaf Wunder, 2023[16]
Jenseits der bloßen Erinnerung an die Ereignisse oder organisatorische Details kam dem Bunker für Pischke auch eine symbolisch aufgeladene Rolle zu. Durch die Luken habe er in dieser Nacht über die Stadt geblickt. „So gegen zwei, drei Uhr“ habe er gesehen, wie „um den Michel herum […] alles [brannte] – Der Michel war von dem Flammenmeer so angestrahlt, wie heute von den Scheinwerfern. Das war ein geradezu mystischer Anblick.“[17] Pischke blieb der Betonkoloss als in einer geradezu apokalyptischen Umgebung zuverlässig schützendes Obdach in Erinnerung, das ihn nicht nur vor den Flammen bewahrte, sondern ihn das lodernde Unheil auch noch sicher von hoch oben überblicken ließ.
Die persönliche Beziehung der Befragten zum Bunker färbte zwangsläufig ihre Erinnerungen, teils sogar ideologisch: Ein Zeitzeuge, damals jugendlicher Kaufmannslehrling, behauptete gegenüber dem Hamburger Abendblatt, das Gebäude sei „generalstabsmäßig“ von „Fachleute[n]“ errichtet worden und verstieg sich weiter zu der Aussage: „Kommen Sie mir bloß nicht wieder mit Nazigräueln.“ Er habe „da keinen einzigen KZler gesehen“. Dies glaubte er deshalb beurteilen zu können, weil sein Vater in die Transportlogistik des Baus involviert gewesen sei und ihn auf die Baustelle „sogar mal mitgenommen“ habe.[18] Zwar gilt es nach jüngster Forschung tatsächlich als unwahrscheinlich, dass KZ-Häftlinge im engeren Sinne am Bunkerbau beteiligt waren. Allerdings wurden Häftlinge eines nahegelegenen Gestapo-Gefängnisses, einer Art „Zwischenstation auf dem Weg ins Konzentrationslager“, sowie Kriegsgefangene zur Arbeit auf der Baustelle gezwungen, wie Dirk Lau darlegt.[19]
Erinnerungsfragmente im O-Ton
Besonders eindrücklich ist der Bericht eines 2019 interviewten Zeitzeugen, der mehrfach Schutz im Feldstraßenbunker suchte – wobei ihm seine ersten Aufenthalte 1943 nach eigener Aussage kaum in Erinnerung blieben. Lebendigere Erinnerungen hatte er hingegen an eine Episode, die er selbst auf den Herbst 1944 datierte. Der betreffende Auszug aus dem WdE-Interview kann hier angehört und das dazugehörige Transkript gelesen werden:
Auszug WdE-Interview 2239
Neben Erinnerungen an persönliche Erlebnisse offenbart dieses Beispiel auch exemplarisch Problematiken von Zeitzeug:inneninterviews als historischen Quellen. Zwischen Interviewer und Interviewtem bestand offenbar bis zuletzt keine Klarheit darüber, ob die vom Zeitzeugen beschriebene Bunkerschädigung während oder bereits vor seinem Aufenthalt eintrat – ein entscheidendes Detail für sein Erleben des Flakturms als Schutzraum. Außerdem bleiben seine Angaben zu einer Unterbringung im vierten Stock fragwürdig: Dieses Geschoss war bis zuletzt „militärischen Zwecken vorbehalten“ gewesen, etwa der „Unterbringung der Flakturmbesatzung“, wie Dirk Lau betont.[21]
Nicht zuletzt verdeutlicht das gewählte Beispiel die selektive Natur von Erinnerungen. An seine womöglich dramatischeren Bunkeraufenthalte während der Großangriffe 1943 konnte der Zeitzeuge sich kaum erinnern, was die mitunter schier willkürlich anmutende Selektivität subjektiver Erinnerungsperspektiven unterstreicht.

Eine Menschenmenge vor dem Bunker, vom Dach des Flakturms aus. Mutmaßlich fotografiert von Klaus Esemann, Anfang 1945 [22]
Abschließende Bemerkungen
Gerade diese selektive Subjektivität macht die persönlichen Erinnerungen als historische Quellen allerdings auch umso wertvoller. Individuelle Erlebnisse (etwa: „[…] man fühlte sich in dem Ding sicher“[23]) müssen keineswegs mit den Empfindungen anderer Zeitzeug:innen übereinstimmen, die ihre Aufenthalte möglicherweise weniger gelassen erlebten.
Die Erinnerungen an den Heiligengeistfeld-Hochbunker fallen also ebenso verschieden wie unterschiedlich empirisch belastbar aus. Generalisierende Bewertungen sind angesichts dieser Heterogenität kaum möglich. Die Zeugnisse geben uns aber Gelegenheit, uns abstrakten historischen Erzählungen emotional anzunähern.
Eines lässt sich mit Gewissheit festhalten: Der vermeintlich ‚sekundäre‘ Zweck des Flakturms IV als ziviler Schutzraum entfaltete wesentlich nachhaltigere Wirkung als sein militärischer Nutzen. Zu diesem Schluss kommt auch Dirk Lau, der von einer militärischen „Dysfunktionalität“ des Bunkers spricht und betont, dass diese im „kollektiven Erinnern Hamburgs […] bis heute von seiner Rolle als ‚Lebensretter‘ während des Kriegs überlagert“ werde, „als nicht seine Geschütze, sondern seine meterdicken Mauern viele Tausend ‚Volksgenoss:innen‘ vor den Bomben schützten“.[24]
Nachweise
[1] So überzeugend dargestellt von Lau, Dirk: Vom Flakturm IV zum grünen Bunker. Die Geschichte eines Hamburger Monuments, 1942 bis 2024, Hamburg 2025, S. 18-55.
[2] Ebd., S. 109-116.
[3] Für einen konzis-historisierenden Überblick über die Disziplin siehe Apel, Linde (Hg.): Erinnern, erzählen, Geschichte schreiben. Oral History im 20. Jahrhundert, Berlin 2022.
[4] Lamparter, Ulrich: Aufbau und Struktur des Forschungsprojekts: „Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms (1943) und ihre Familien“, in: ders./Wiegand-Grefe, Silke/Wierling, Dorothee (Hg.): Zeitzeugen des Hamburger Feuersturms 1943 und ihre Familien. Forschungsprojekt zur Weitergabe von Kriegserfahrungen, Göttingen 2013, S. 23-44; Wierling, Dorothee: Zeugen der Geschichte. Erzählungen des „Feuersturms“ aus der Sicht der Oral History, in: Althoff, Hendrik/Holstein, Christa/Lamparter, Ulrich (Hg.): Hamburg im Feuersturm. Die Bombenangriffe vom Juli 1943 in der Erinnerung von Überlebenden und im Gedächtnis der Stadt, Hamburg 2023, S. 124-128. Zu einzelnen Erinnerungen von Zeitzeug:innen siehe S. 17-108 ebd.
[5] o. V.: Werkstatt der Erinnerung (WdE) an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg, in: Oral-History.Digital, o. D., URL: https://www.oral-history.digital/partner/WdE.html (eingesehen am 12.01.2026).
[6] Jung, Irene: Bunker-Geschichten, in: Hamburger Abendblatt, 4.8.2015, S. 6; Ulrich, Friederike: „Der Bunker war mein Lebensretter“. Karl-Heinz Pischke suchte als Kind an der Feldstraße Schutz. Jetzt war er der erste Hotelgast, in: Hamburger Abendblatt, 28.6.2024, S. 9. Siehe ferner die als Band erschienene Reportage (Hg.) Hamburger Abendblatt: Operation Gomorrha. Die Dokumentation, Hamburg 2018.
[7] Lau, Flakturm IV, S. 194. Alexander Schuller beziffert die Quote für das Jahr 1943 gar auf bloße sieben Prozent. Vgl. Abendblatt, Operation Gomorrha, S. 39.
[8] Lau, Flakturm IV, S. 111-113.
[9] FZH/WdE 1351, Interview mit Peter-Michael Behrends (Alias) am 13.1.2009, Interviewer: Malte Thießen. Dieses Interview entstand zwischen 2003 und 2011 im interdisziplinären Projekt des UKE und der FZH zur transgenerationellen Weitergabe von Kriegserfahrungen „Zeitzeugen des Hamburger ,Feuersturms‘ und ihre Familien“. Vgl. außerdem FZH/WdE 1190, Interview mit Miriam Schulze (Alias) am 17.8.2005, Interviewerin: Linde Apel.
[10] Zit. nach Jung, Bunker-Geschichten.
[11] Zit. nach ebd.
[12] Lau, Flakturm IV, S. 102, 112-114.
[13] Zit. nach Jung, Bunker-Geschichten. Auch dieses Detail hat Dirk Lau (mit konkretem Bezug auf die Ecktürme des Flakturms) bekräftigt. Lau, Flakturm IV, S. 102.
[14] Zit. nach Jung, Bunker-Geschichten; vgl. zur Bestätigung Lau, Flakturm IV, S. 114.
[15] Zit. nach Ulrich, Lebensretter.
[16] Wunder, Olaf: Bunker an der Feldstraße. „Dieser graue Klotz ist mein Lebensretter“, in: Hamburger Morgenpost, 14.4.2023, URL: https://www.mopo.de/hamburg/historisch/bunker-an-der-feldstrasse-dieser-graue-klotz-ist-mein-lebensretter/ (eingesehen am 26.1.2026)
[17] Zit. nach Jung, Bunker-Geschichten.
[18] Zit. nach ebd.
[19] Ergänzend ist noch darauf hinzuweisen, dass die „Facharbeiter“ der jeweiligen Bauunternehmen oft aus dem Ausland, etwa Dänemark, „importiert“ wurden und zum Mindesten ökonomischen Zwängen unterlagen. Lau, Flakturm IV, S. 70-83.
[20] FZH/WdE 2239, Interview mit Angus Kröger (Alias) am 17.6.2019, Interviewer: Ulrich Wirth.
[21] Lau, Flakturm IV, S. 51.
[22] Wunder, Bunker; siehe außerdem o. V.: Blick vom Bunker St. Pauli – 1945, in: Bunker St. Pauli, o. D., URL: https://www.bunker-stpauli.de/wp-content/uploads/2019/08/Bunker-St.Pauli-vom-Bunker-aus-1945.jpg (eingesehen am 26.1.2026).
[23] FZH/WdE 2239.
[24] Lau, Flakturm IV, S. 21.
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