Eine Kooperation von Geschichte und Medienwissenschaft an der Universität Hamburg & Hilldegarden e.V.

Über das Lehrforschungsprojekt

Seit seiner Neueröffnung im Sommer 2024 zieht der ehemalige Flakturm auf dem Heiligengeistfeld täglich Tausende Besucher:innen an. Doch trotz dieses großen Interesses fehlte vor Ort eine niedrigschwellige, wissenschaftlich fundierte Einordnung der komplexen Geschichte des Bauwerks – vom nationalsozialistischen Prestigebau über seine militärische Nutzung im Zweiten Weltkrieg bis hin zu den vielfältigen Nachnutzungen.

Das Projekt „Über-Blick“ von Prof. Dr. Birthe Kundrus (Historikerin, Universität Hamburg) und Prof. Dr. Thomas Weber (Medienwissenschaftler, Universität Hamburg) setzte genau hier an. Im Sommersemester 2025 entwickelten Studierende der Geschichts- und Medienwissenschaften in einem gemeinsamen Seminar acht Kurzvideos, die zentrale Aspekte der Bunkergeschichte aufgreifen. Die Inhalte basieren auf eigenständiger Recherche, Archivarbeit und dem aktuellen Forschungsstand. Über QR-Codes entlang des öffentlich zugänglichen Bergpfads sowie über eine begleitende Website und YouTube sind die Videos dauerhaft abrufbar.

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© Foto: Daniel Kulle, 2025.

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© Foto: Daniel Kulle, 2025

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© Foto: Paul Voigt, 2025.

Info Tafel
(c) 2025 Hilldegarden e.V.

Am 30.06.2025 veröffentlichte der Newsroom der UHH das Interview "Vom Gefechtsstand zum öffentlichen Garten. Studierende erstellen Videos über den Bunker auf St. Pauli". Das Interview wurde geführt von Christina Krätzig mit Birthe Kundrus und Thomas Weber.

Kooperationspartner war der gemeinnützige Verein Hilldegarden, der als Stadtteilinitiative die Begrünung und den Umbau des Bunkers angestoßen hat und von der Stadt Hamburg mit der Einrichtung eines Erinnerungsorts beauftragt wurde. Als ehrenamtlich getragene Initiative verfügt der Verein nur über begrenzte Ressourcen.

Die Zusammenarbeit ermöglichte es, wissenschaftliche Expertise und bürgerschaftliches Engagement zu verbinden und so ein informatives Angebot für eine breite Öffentlichkeit zu schaffen. Die acht Videos sind seit dem 10. Oktober 2025 freigeschaltet und rechtlich langfristig gesichert. Bereits fünf Tage nach Veröffentlichung verzeichneten sie rund 16.000 Aufrufe – ein deutlicher Hinweis auf den Bedarf an fundierter historischer Einordnung.

Ergänzt wurde die digitale Veröffentlichung durch eine öffentliche Präsentation im Bunker selbst. Aus einem Seminarprojekt ist damit ein dauerhafter digitaler Erinnerungsort entstanden. Das Vorhaben wird ohne zusätzliches Budget in weiteren kooperativen Lehrformaten fortgeführt und um weitere Videos und Webseiten ergänzt. Geplant sind mehrsprachige Versionen, zusätzliche Dokumente und Info-Webseiten sowie vertiefende Videoformate.

Das Projekt zeigt, wie universitäre Lehre unmittelbar zur öffentlichen Geschichtsvermittlung beitragen kann: Studierende werden zu Produzent:innen wissenschaftlich fundierter Inhalte, zivilgesellschaftliche Initiativen erhalten fachliche Unterstützung – und Besucher:innen eines stark frequentierten Ortes gewinnen Zugang zu differenziertem historischen Wissen. Das Seminar verband somit historiographische Forschung in vielfältiger Weise, z.B. in Archiven, durch Zeitzeugen- und Expert:inneninterviews etc. mit den Skills der audiovisuellen Gestaltung. Der unmittelbare Praxisbezug und die ungewöhnliche Thematik eröffneten den Studierenden ebenso konkrete wie neue Perspektiven auf die audiovisuelle Vermittlung von Geschichte an eine breite, auch internationale Öffentlichkeit. 

Herausforderungen für das Projekt

Herausforderungen bestanden einerseits darin, Studierende (der Geschichte und der Medienwissenschaft), die noch nie zuvor einen Film gedreht oder eine Website gebaut hatten, die Skills zur audiovisuellen Gestaltung zu vermitteln, andererseits in der historiographischen Forschung in Archiven, bei der Auswertung von Dokumenten, in Zeitzeugen- und Expert:inneninterviews und nicht zuletzt in der Klärung von Bild- und Filmrechten, womit die Studierenden bis dahin noch keine Erfahrung hatten.

Im Fokus der Recherchen standen die vielseitige Geschichte des Bunkers und seiner unterschiedlichen Dimensionen der zivilen Nachnutzung (von Kulturangeboten hin zum ökologischen Konzept der Stadtbegrünung). In Zusammenarbeit mit dem Verein Hilldegarden wurde ein wechselseitiger Transfer von Skills aller Beteiligten organisiert: historische Quellenrecherche und -bewertung, die anschauliche Aufbereitung wissenschaftlicher Inhalte für eine breitere Öffentlichkeit, der Umgang mit Zeitzeug:innen und Expert:innen, sowie die Aushandlung von Konzepten.

 

Mehrwert für die beteiligten Akteure

Was bei dem Projekt als Mehrwert entstanden ist, war für jeden Akteur unterschiedlich.

Für den Hilldegarden Verein war es eine Unterstützung der Arbeit zur Schaffung eines Erinnerungsortes durch vorzeigbare Resultate und öffentliche Aufmerksamkeit. Für die TransferAgentur war es ein „Vorzeigeprojekt“, weil sie es als Beispiel auf einfache Weise vorzeigen konnten.

Für die Organisator:innen und die Studierenden sind die relevanten Resultate andere:

Die Studierenden haben gelernt, nicht nur in Archiven Texte zu recherchieren, sondern auch nach geeigneten Bildern und Filmen zu suchen und insbesondere auch die Frage nach Nutzungsrechten anzusprechen und diese gegebenenfalls auch zu verhandeln.

Die Studierenden haben gelernt, Drehbücher zu schreiben, d.h. auch akademische Texte so zu formulieren, dass sie auch in einer filmisch darstellbaren Form funktionieren, die Texte als Kommentare mit geeigneten Bildern oder Filmmaterial zu kombinieren bzw. die Texte so umzuschreiben, dass sie zu den vorhandenen Bildern und Filmquellen passen.

Dadurch, dass wir uns für Kurzvideos entschieden hatten, haben die Studierenden zudem gelernt, ihre Drehbücher maximal zu verdichten. Damit einher gingen Erfahrungen mit redaktionellen Prozessen der vielfachen Text- (und übrigens auch der Film-)überarbeitung in einem kollektiven Diskussionsprozess.

Einige Studierende haben auch gelernt, mit der Kamera umzugehen oder die Postproduktion eines Films zu gestalten (nicht alle haben sich daran beteiligt). Die Studierenden mussten auch lernen, wie man in einem partizipativen Projekt, in dem es keine klaren Hierarchien gibt, mit unterschiedlichen Akteuren umgeht und in einem für sie ungewohnten Feld eine eigene Rolle findet und ausgestaltet.

Durch die Recherchen und den Diskussionsprozess über Drehbücher und Videos ergaben sich auch für die Organisator:innen unerwartete neue historische Erkenntnisse, hier einige Beispiele:

1. Die militärische Nutzung war beschränkt, die Militärs selbst sprachen sich gegen den Bunkerbau aus, weil der Bau verhältnismäßig zu viele Ressourcen verschlang.

2. Der Bunker wurde nicht nur von Zwangsarbeitern gebaut; vor allem ausländische Vertragsarbeiter spielten eine große Rolle.

3. Aus der Fachliteratur wurde nicht immer ganz klar, welche Nutzung im Flakturm und welche im Leitturm stattfand. Vor allem die Nutzung durch den NWDR und den NDR wurde nicht immer deutlich attribuiert.

4. Die vom NDR erworbene Lizenz für die Verwendung von Filmmaterial zum Start des NWDR in den 1950er Jahren (dem Fernsehsender, der der Gründung des NDR vorausging) war vom NDR im NDR-Archiv und in der ARD- Mediathek falsch ausgezeichnet worden.

5. Mithin entstand auch ein Organisationswissen, das hilft, bei zukünftigen, ähnlichen Projekten die Arbeitsweise effizienter zu organisieren (z.B. frühzeitig einen Style Guide für die Gestaltung von Drehbüchern, Filmen und Webseiten zu erarbeiten oder eine konsequentere Rollenzuweisung vorzunehmen).

Das Projektteam an der Universität Hamburg

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Snapshot von einigen Studierenden und Mitgliedern des Projektteams im Juli 2025 

An der Universität Hamburg gestaltete ein Team das Lehrforschungsprojekt und begleitete die Studierenden:

Die beiden Projektleiter:innen: Prof. Dr. Birthe Kundrus (Historikerin; Organisation, Recherche und Drehbuch) und Prof. Dr. Thomas Weber (Medienwissenschaftler; Organisation, Recherche, Drehbuch, Website-Gestaltung)

Die beiden wissenschaftlichen Mitarbeiter:innen (Medienwissenschaftler:innen): Dr. Jasmin Kermanchi (Recherche), Dr. Daniel Kulle (Filmaufnahmen und Postproduktion)

Die Tutor:innen Adrian Mohr (Geschichte), Patricia Geyer (Medienwissenschaft), Yannick Rilk (Medienwissenschaft), Mia Hartzig (Medienwissenschaft), die für die Betreuung der studentischen Teams zuständig waren

sowie mit einem speziellen Dank an

Paul Voigt (Technischer Mitarbeiter des Medienzentrums, technische Beratung und unschätzbare Mitwirkung)

Daniela Dinnes (professionelle Sprecherin)

Credits (allgemein für alle Kurz-Video und die Website, soweit dort nicht angegeben)

Allgemein für alle Kurz-Videos (soweit nicht dort angegeben) und den Materialfundes des Projekts: 

Kamera: Paul Voigt, Daniel Kulle, Patricia Geyer, Thomas Weber u.v.a.

Koordination der historischen Archiv-Recherche: Adrian Mohr 

Unterstützung bei der Akquise von Nutzungsrechten von Archiv-Material: Patricia Geyer, Adrian Mohr, Thomas Weber 

Unterstützung bei den Dreharbeiten: Patricia Geyer und Yannick Rilk

Sprecherin: Daniela Dinnes

Recherche und Skript der einzelnen Videos stammen von den einzelnen Studierenden 

Unterstützung bei der Recherche und Überarbeitung der Skripte: Birthe Kundrus und Thomas Weber 

Schnitt: Daniel Kulle, Thomas Weber

Gestaltung der Website: Jasmin Kermanchi, Thomas Weber

Gesamtkoordination: Birthe Kundrus und Thomas Weber 

Credits für die einzelnen Videos 

Einführung. Buch und Konzept: Birthe Kundrus, Thomas Weber und Adrian Mohr, Schnitt: Daniel Kulle, Sprecherin: Daniela Dinnes

Der Plan eines Bunkers. Buch und Konzept: Angelika Mair, Schnitt: Daniel Kulle, Sprecherin Daniela Dinnes

Bombenkrieg. Buch und Konzept: Thore Storch, Schnitt: Daniel Kulle, Sprecherin: Daniela Dinnes

Die Arbeiter des Bunkers. Buch und Konzept: Rabea Heyne u. Hauke Heymann. Schnitt: Daniel Kulle, Sprecherin: Daniela Dinnes.

Pläne einer Nazi-Stadt. Buch und Konzept: Taja Lechte. Schnitt: Daniel Kulle, Sprecherin: Daniela Dinnes. Quellenangaben (in der Reihefolge des Erscheinens): Australian War Memorial: SUK14320 (erstes Bild des Bunkers im zerstörten Hamburg) Staatsarchiv Hamburg: 720-1/344-15_A349, 720-1/344-15_A347, 720-1/344-15_A350 (Modellfotos) David Büllesbach (https://www.artstation.com/david_buellesbach): erstes 3D Modell des Bunkers Oliver Quint: zwei Schreibtischbilder von Gutschow David Büllesbach (https://www.artstation.com/david_buellesbach): zweites 3D Modell des Bunkers / Heiligengeistfelds Stiftung FC Gundlach, PPS Archiv: die drei aktuelleren Bilder des Bunkers der Abschlusssequenz

Wohnen. Buch und Konzept: Jesse Ostermann, Schnitt: Daniel Kulle, Sprecherin: Daniela Dinnes

Medienbunker. Buch und Konzept Maxine Dück, Schnitt: Daniel Kulle, Sprecherin: Daniela Dinnes. Filmausschnitte aus: Ansprache des NWDR Programmdirektors zum Fernsehstart, NDR, 25.12.1952; Das neue NDR Fernsehstudio in Hamburg-Lokstedt, NDR, 23.10.1953; Goethes - Vorspiel auf dem Theater, NDR, 2.3.1951; Inspektor Tondi, Fernsehspiel von Siegfried Lenz, NDR, 11.08.1952; Clemens Wilmenrod bittet zu Tisch - Heringssalat auf bretonische Art, NDR, 11.02.1961

Begrünung. Buch und Konzept: Henrik Ralf, Schnitt: Daniel Kulle, Sprecherin: Daniela Dinnes

F.C. Gundlach. Buch und Konzept: Fenja Henn und Christian Junior, Schnitt: Gerrit Kock, Aufnahmeleitung: Adam Kurucz und Laura Kerschner, Sprecherin: Daniela Dinnes

 

Die beteiligten Studierenden

Studierende (Masterstudiengang): Angelika Mair, Thore Storch, Rabea Heyne, Hauke Heymann, Taja Lechte, Jesse Ostermann, Maxine Dück, Henrik Ralf, Christian Junior, Fenja Henn, Maximilian Mohr, 

Studierende (Bachelorstudiengang): Gerrit Kock, Adam Kurucz, Laura Kerschner, Weronika Cwalina, Melina Georgidas,Celina Hafizi, Nicolas Hesse, Gretha Maria Reintgen, Mahaut Sienkiewicz, Alica Wester, Enni Nolde

Gefördert wurde das Projekt der Kurz-Videos durch den Transferfonds der Universität Hamburg, der im Rahmen der Exzellenzstrategie von Bund und Ländern vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) sowie der Freien und Hansestadt Hamburg gefördert wird. Ziel der Ausschreibung 2024 war, die Zusammenarbeit zwischen wissenschaftlichen und nicht-wissenschaftlichen Akteur:innen zu stärken.

Beim Projekt zum Hochbunker hatten außeruniversitäre Akteure wie Hilldegarden e.V. einen aktiven Part, was im Lehr-Lern-Format des „Service Learnings“ umgesetzt wurde. Dieses Konzept meint Lernen durch Engagement, bei dem die Studierenden sich mit den  verschiedenen Stakeholdern absprechen und dann Verantwortung für die Realisierung der von ihnen übernommenen Aufgaben übernehmen. 

Das Hosting der Website, die Bereitstellung von Infrastrukturen und einen Teil der Beratung wurden vom AVINUS e.V. übernommen.